banner.jpg
  • Apothekerin Gesine Brenner e.K.
  • Höhscheider Str. 116
  • 42699 Solingen

Langeweile: Kreative Auszeit für das Gehirn

Nichts tun zu müssen macht manche von uns fast wahnsinnig. Oft schon nach wenigen Minuten. Dabei hat der Leerlauf im Kopf einen großen Nutzen
von Christian Andrae, 07.07.2016

Hinsetzen, nichts tun, Gedanken schweifen lassen: Solche Pausen tun gut

Getty Images/Westend61

Für manche eine kleine Horrorvision: Über den Bahnsteig hinweg hallte soeben die Durchsage, dass der Zug, auf den man wartet, vermutlich zehn Minuten später eintreffen wird. Und als sei es ein Urinstinkt, greifen jetzt viele in ihre Tasche und zücken ihr Smartphone. Schließlich bietet es eine bunte Palette an Möglichkeiten, mit Kurzweil gegen die drohende Langeweile anzukämpfen. Aber bleibt der Bildschirm schwarz, ist das der Beginn von quälend langen Minuten des Nichtstuns.

Vertane Zeit. Eine Ohnmacht in der Leere. Für manche kaum auszuhalten. "Einige verabreichen sich sogar lieber Elektroschocks, als ohne weitere Beschäftigung ihren Gedanken nachzuhängen", wie die Autoren einer Studie im Fachmagazin Science berichten.

Die Forscher der Universität von Virginia in Charlottesville (USA) setzten 18 Männer und 24 Frauen eine Viertelstunde in einen schmucklosen Raum – ohne Habseligkeiten wie Smartphones oder Kugelschreiber. Dafür aber mit einem per Knopfdruck auslösbaren Elektroschocker. Dieser wurde den Probanden vorab demonstriert und von ihnen als sehr unangenehm empfunden. Dennoch: 67 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen fügten sich selbst Schmerzen zu – anstatt ein paar Minuten still zu sitzen und nachzudenken.

Langeweile macht kreativ

Dabei kann man der Langeweile durchaus Gutes abgewinnen. Das zeigt sich schon bei Kindern. Langeweile bringt sie auf neue Ideen, macht sie kreativ. Bei Erwachsenen ist das nicht anders. Das belegt eine aktuelle und im Fachblatt Creativity Research Journal veröffentlichte Untersuchung.

Zwei Forscherinnen von der University of Central Lancashire in England teilten 80 Studienteilnehmer in zwei Gruppen auf: Die einen sollten Einträge aus Telefonbüchern abschreiben, die anderen nicht. Anschließend sollten beide Gruppen darüber nachdenken, was man mit zwei Plastikbechern machen könnte. Und siehe da: Die Probanden, die sich zuvor mit den Telefonbüchern quälen mussten, hatten mehr Einfälle.

Ein weiteres Experiment mit drei Gruppen bestätigte die Ergebnisse. Die Probanden sollten entweder in Telefonbüchern lesen, Nummern kopieren, oder sie wurden glücklicherweise von beidem freigestellt. Am kreativsten waren jene mit der langweiligsten Aufgabe: die Telefonbuchleser.

Aber warum gibt uns Langeweile einen kreativen Schub? Professor Andreas Elpidorou von der Universität von Louisville (USA) schreibt im Journal Frontiers in Psychology, dass sie dabei helfe, die Wahrnehmung wieder auf Sinn- und Bedeutungsvolles zu lenken. "Ohne Langeweile würde man in unbefriedigenden Situationen verharren. Sie ist eine Warnung, dass wir nicht das tun, was wir tun wollen – und damit zugleich ein Antrieb."

"Heute langweilt sich kaum noch jemand"

Langeweile quasi als Warnsignal. Zu diesem Schluss kam auch ein internationales Forscherteam unter Leitung der Universität Konstanz: Sie könne sogar Beziehungen retten – wenn sich die Paare davon angetrieben fühlen, die Situation zu ändern (siehe Kasten unten).

Zurück zum Bahnsteig: In solchen Situationen fällt dem Kommunikationsforscher Professor Peter Vorderer von der Uni Mannheim eines auf: "Heute langweilt sich kaum noch jemand." Die Smartphones verhindern jeden Leerlauf im Kopf. Schade, wie der Experte findet: "Denn eigentlich könnte man sich mal dem Moment überlassen und aus dem Zustand der ständigen Aktivität heraustreten."

Langeweile als Warnsignal

Ein Team um den Psychologieprofessor Thomas Goetz von der Uni Konstanz hat fünf Arten von Langeweile als Warnsignale identifiziert, anhand derer Sie erkennen können, dass in Ihrer Beziehung etwas nicht stimmt. Sprechen Sie mit Ihrem Partner darüber, vielleicht findet sich eine Lösung.

Stellen Sie sich als Ausgangssituation vor, Ihr Partner und Sie gehen abends mit Freunden essen.

  • Gleichgültig: Sie sind nach der Arbeit einfach nur müde und mit Ihren Gedanken ganz woanders.
  • Kalibrierend: Sie sehnen sich nach etwas Spannenderem – und beobachten andere Gäste.
  • Suchend: Sie sind genervt und unruhig.
  • Reagierend: Sie werden aggressiv, zum Beispiel wenn der Kellner zu lange braucht.
  • Teilnahmslos: Sie fühlen sich der Situation ausgeliefert, können und wollen daran aber nichts ändern. Diese Art von Langeweile kann jedoch auch Symptom einer Depression sein – und verlangt gegebenenfalls professionelle Hilfe.

Lesen Sie auch:

Gelangweilter Mann

Straining: Zur Langeweile verdammt »

Es gibt Chefs, die entbinden ihre Mitarbeiter von allen Aufgaben. Wer zur Untätigkeit verdammt ist, leidet enorm darunter. Über eine perfide Methode von Mobbing »



Bildnachweis: Corbis GmbH/--, Getty Images/Westend61

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Müde Frau

Borderline (Borderline-Persönlichkeitsstörung)

Stimmungsschwankungen, impulsives Verhalten, anhaltende Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen, Selbstverletzung – all dies sind mögliche Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) »

Spezials zum Thema

Frau schaut traurig, Jugendliche

Mobbing: Jetzt ist Schluss damit!

Ob in der Schule oder am Arbeitsplatz: Die Opfer von Mobbing sind den Schikanen ihrer Mitschüler oder Kollegen ausgesetzt. Die Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit sind oft gravierend »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages